DFG-Projekt von 9/2019-8/2022, Eigene Stelle


Gemeinnützige Stiftungen sind in den letzten Jahrzehnten in vielen Demokratien zahlreicher und wohlhabender geworden. Darüber hinaus hat sich eine wachsende Zahl von ihnen transformativen Agenden verschrieben. Diese Stiftungen wollen das Gemeinwohl nicht bloß finanzieren oder Missstände bekämpfen, sondern gesellschaftliche Strukturen dauerhaft verändern. Dabei klinken sich diese Stiftungen regelhaft in globale Problemdiskurse ein und versuchen auf der Grundlage ihrer Weltentwürfe und Problemsichten Lösungen zu entwickeln und einzuführen. Der Philanthrokapitalismus angelsächsischer Provenienz fragt gar, „how the rich can save the world“ (Bishop/Green 2008). Das numerische Wachstum von Stiftungen und die Expansion ihrer Ambitionen gründet nicht allein in der krassen Akkumulation von Reichtum bei einigen wenigen und in veränderten Mentalitäten der Stifter*innen, sondern wird auch durch eine zunehmend liberale Stiftungsgesetzgebung und eine allgemein gestiegene Wertschätzung der Zivilgesellschaft gefördert. Dazu gehört die Einsicht, dass speziell die Bearbeitung gesellschaftlicher Großprobleme wie etwa der ökologischen Transformation nicht allein von der formalen Politik gestaltet und bewältigt werden kann.
In diesem Zusammenhang bietet die an Einfluss gewinnende Weltbeobachtungsformel Anthropozän aufgrund ihrer de- und präskriptiven Totalität den Stiftungen nahezu optimale Rechtfertigungsskripte und Handlungsoptionen. Entsprechend greifen Stiftungen diese Beobachtungsformel im- oder explizit auf und gestalten sowohl die angemahnte ökologische Transformation als auch die gesellschaftlichen Raumverhältnisse im Anthropozän machtvoll und einflussreich mit. Dabei stehen sie als ein spezieller Organisationstyp vor der Herausforderung, dass sie keinen direkten Zugriff auf ihre (sozialen) Umwelten haben und als Teil der Zivilgesellschaft auch nicht auf Zwangsmaßnahmen zurückgreifen können. Zur Zielerreichung müssen sie sich stattdessen vorrangig auf das Mittel der Gabe verlassen.
Vor diesem Hintergrund will das Projekt in einer umfassenden Feldstudie empirisch ergründen, was der Fall der transformativen Philanthropie im Anthropozän ist, wie Stiftungen ihre Beiträge zur ökologischen Transformation und zum Anthropozän gestalten und warum sie das so und nicht anders tun. Weil es derzeit keine gesellschaftstheoretisch eingebettete raumsensible Theorie der Stiftung als Organisation gibt, die dies beantworten könnte, soll zudem eine solche Theorie entwickelt werden. Im Ergebnis bietet das Projekt eine Empirie und Theorie der transformativen Philanthropie im Anthropozän und zeigt darüber vermittelt auf, welche Möglichkeiten und Limitationen für die Veränderung von gesellschaftlichen (Raum-)Strukturen mit Stiftungen verbunden sind.

Abstract

Philanthropic foundations thrive and prosper in many democracies. Within the last decades they have grown in number and wealth. Moreover, an increasing number of them has adopted transformative agendas. These foundations do not only want to finance the common good and fight grievances, but instead seek to transform societal structures. For that purpose, they engage with global problem descriptions and specify the problems from their perspective so that they can develop and introduce solutions. The Anglo-Saxon Philanthrocapitalism even asks, „how the rich can save the world” (Bishop/Green 2008). The numeric growth of foundations and their expansion of activities partly roots in the uneven accumulation of wealth among a very few and in shifting mentalities of the foundations’ founders. Equally essential, however, is the ever more liberal legislation on foundations’ issues and the growing appreciation for the civil society. Part of this appreciation is the understanding that grand challenges, the ecological transformation among them, cannot be adequately tackled by formal politics alone.
In this context, the ever-more influential formula of world observation Anthropocene offers, due to its de- and prescriptive totality, almost ideal scripts for the legitimation of the foundations’ ambitions and deeds. Accordingly, foundations have – both explicitly and implicitly – begun to pick up this formula and have become influential and powerful players of the ecological transformation. In doing so, they also shape the social spatiality and the spatial relations of the Anthropocene. As a particular type of organisation, they are, however, confronted with the fact that they lack direct ingress to their (social) environments. In addition, they also cannot take mandatory measures since they consider themselves as an integral part of the civil society. For goal attainment, they must primarily rely on the means of the gift.
Against this backdrop, the project seeks to empirically unveil what transformative philanthropy in the Anthropocene is about, how philanthropic foundations shape their programmes for the ecological transformation and, therefore, the Anthropocene, and why they do it the way they do. Since there is currently no organisation theory of the foundation available that is both embedded in a general social theory and sensitive for spatial issues, the project also aims at developing such a theory. In the end, the project offers both empirical insights and theoretical abstractions about the phenomenon of transformative philanthropy in the Anthropocene which opens up the possibility to learn more about the foundations’ possibilities and limitations for the transformation of socio-spatial structures.