Obwohl die Neubezeichnung der aktuellen erdgeschichtlichen Epoche als Anthropozän in den Geowissenschaften nach wie vor umstritten ist, hat sich der Begriff des Anthropozäns in den Sozialwissenschaften für die Beschreibung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen etabliert. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die tiefgreifenden Einwirkungen der Gesellschaft auf die Ökosysteme der Erde nicht nur die Eigenständigkeit der Natur und damit den klassischen Naturbegriff in Frage stellen, sondern auch das Verständnis von Gesellschaft und die Stellung des Menschen als Gestalter von Natur- und Sozialverhältnissen verändern.
Als sozialwissenschaftlicher Reflexionsbegriff verweist das Anthropozän zudem auf eine neue gesellschaftliche Risikokonstellation: Während die gesellschaftlichen Risiken der Spätmoderne vor allem in den unbeabsichtigten Folgen der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung gesehen wurden bzw. in der falschen Einschätzung der damit verbundenen Gefahren, rücken im Anthropozän zusätzlich jene Ungewissheiten in den Blickpunkt, die sich aus der Koexistenz verschiedener Lebensformen und der Beteiligung nicht-menschlicher Akteure an der Kommunikation ergeben. Soziales Handeln und Kommunikation werden selbst zu riskanten Unterfangen, weil man nie genau wissen kann, inwieweit die Beiträge einem Bewusstsein zuzurechnen oder Algorithmen und Programmen zuzuschreiben sind.
Vor diesem Hintergrund lautet die Grundannahme unserer gemeinsamen Theoriearbeit: Der Begriff des Anthropozäns verweist auf planetarische Veränderungen, die zu einer Neuformierung der gesellschaftlichen Umwelt- und Sozialverhältnisse führen. Diese Veränderungen betreffen in sozialer Hinsicht die Entstehung einer Ordnung des Nebeneinanders, das heißt von kooperativen, komplementären, parasitären oder feindlichen „Nachbarschaftsverhältnissen“ zwischen verschiedenen „Bewohnern“ des Planeten – seien dies nun Menschen, Mikroben, Maschinen oder etwas Anderes. In ökologischer Hinsicht verweist der Begriff des Anthropozäns auf die vielfältigen soziomateriellen Verflechtungen, die die Akteure in ihren Alltagspraktiken fortwährend herstellen und reproduzieren. Die an der Ontologie der Spätmoderne (Globalisierung) ausgerichtete Sozialgeographie wird durch diese Veränderung der Sozial- und Umweltverhältnisse vor die Aufgabe gestellt, ihr sozialtheoretisches Vokabular zu hinterfragen und Konzepte zu entwickeln, mit denen die Raumbezüge sozialer Praxis unter den Bedingungen des Anthropozäns erfasst und beschrieben werden können.

Kooperation


Das Thema wird gemeinsam mit Johannes Wirths, Siegburg und Roland Lippuner, artec, Forschungszentrum Nachhaltigkeit an der Universität Bremen bearbeitet.

Dazugehörige Publikationen

  • Goeke, P. (2017): Suchbewegungen im Anthropozän (Rezension von: Wolfgang Haber, Martin Held, Markus Vogt (Hg.) 2016: Die Welt im Anthropozän. Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität. München: Oekom. 178 S.). In: Raumnachrichten.de. [Link]
  • Lippuner, R.; J. Wirths und P. Goeke (2015): Das Anthropozän – eine epistemische Herausforderung für die spätmoderne Sozialgeographie. In: Raumnachrichten.de [Link] [Download]
  • Goeke, P.; R. Lippuner und J. Wirths (2015) (Hg.): Konstruktion und Kontrolle. Zur Raumordnung sozialer Systeme. Wiesbaden. Springer VS. [Link]
  • Goeke, P.; R. Lippuner und J. Wirths (2015): Von der Geographie sozialer Systeme zu einer allgemeinen Ökologie der Gesellschaft – eine Einleitung. In: Goeke, P.; R. Lippuner und J. Wirths (2015) (Hg.): Konstruktion und Kontrolle. Zur Raumordnung sozialer Systeme. S. 9-22. Wiesbaden. Springer VS. [Link]
  • Goeke, P. und S. Zehetmair (2015): Räumliche Konditionen und die Kontrolle des Raums durch Netzwerke und soziale Systeme. In: Goeke, P.; R. Lippuner und J. Wirths (Hg.): Konstruktion und Kontrolle. Zur Raumordnung sozialer Systeme. S. 177-201. Wiesbaden. Springer VS. [Link]
  • Goeke, P. und R. Lippuner (2011)(Hg.): Geographien Sozialer Systeme. Themenheft. Soziale Systeme. Zeitschrift für Soziologische Theorie. Jg. 17, H. 2. [Link]